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Vor einem Jahr hätte mir
jemand erzählen können, dass ich in den diesjährigen Sommerferien eine
Sprachreise nach England antreten dürfte. Ich hätte ihm wohl kaum
geglaubt, aber im Juni sah das schon ganz anders aus.
Es galt, auf die Schnelle
einen Kurs in England zu finden, in dem noch ein Platz frei war. Gar
nicht so einfach, wie sich herausstellte. Am sympathischsten war mir
gleich zu Beginn die Organisation EF (Education First), die Sprachkurse
in Städten wie London, Oxford Winchester oder auch Brighton anbietet.
Letzteres war das Reiseziel, das mir vorschwebte. Eine EF-Mitarbeiterin
musste mir diesbezüglich jedoch einen Strich durch die Rechnung machen:
In Brighton war also bereits alles restlos ausgebucht. Schließlich
fragte sie mich: „Möchtest du nicht vielleicht nach Plymouth fliegen?“
Von dieser Stadt hatte ich noch nie zuvor gehört (und mit der Aussprache
ihres Namens hatte ich anfangs so meine Schwierigkeiten.). Die Frau
nannte mir die Seite im Prospekt, auf der Plymouth beschrieben war. Ich
hatte sie trotz meines Eifers, den Katalog möglichst gründlich zu
studieren, vollkommen übersehen und dachte, dass jener Ort
möglicherweise nicht der schönste für eine Sprachreise sein könnte,
zumal mir der Name nichts sagte und es weit entfernt von großen Städten
wie London und Brighton liegt. Ein Irrtum, wie sich später herausstellen
sollte.

Am Tag der Abreise war ich
natürlich furchtbar aufgeregt. Immerhin war ich im Begriff, in ein
fremdes Land zu fahren mit ausschließlich fremden Leuten in eine ebenso
unbekannte Gastfamilie. Die nächsten zwei Wochen lagen für mich im
Bereich des Ungewissen. Ich hatte keine Ahnung, was mich in England
erwarten würde.
Ich bin kein sonderlich
flugerfahrener Mensch. Zwar war der Flug nach London, Heathrow (von wo
aus wir per Bus nach Plymouth gelangen sollten) nicht mein erster,
jedoch fühlte ich mich keineswegs wohl, als ich vor der Absperrung am
Gate wartete. Dort erwartete mich auch der erste Schrecken. Ich stellte
mein Handgepäck auf das Laufband, genau wie all die Menschen, die vor
mir in einer langen Schlange standen. Während ich nun am anderen Ende
darauf wartete, dass meine inzwischen durchleuchtete Tasche wieder zum
Vorschein kam, bat ein Mann vom Wachpersonal mich plötzlich zur Seite.
Nervös wie ich war, stieg natürlich sofort Panik in mir auf. „Haben Sie
einen spitzen Gegenstand in Ihrem Gepäck?“, war die erste Frage des
Mannes. Ich war mir nicht bewusst, spitze oder scharfe Gegenstände oder
überhaupt irgendeine Waffe mit mir zu führen. „Vielleicht eine Schere?“
Wollte der Herr weiter wissen. Da kam mir die Erkenntnis: Eine Schere
war in meinem Federmäppchen. Ich hatte sie vollkommen vergessen.
Erleichtert entsorgte ich die Schere in einer Art „Waffenmülleimer“,
nahm mein Handgepäck endlich entgegen und machte mich auf den Weg zum
Warteraum. Dem Flug stand nun nichts mehr im Wege.
Am Zielort meiner Reise
angekommen, hatte ich am Flughafen bereits ein paar Mädchen kennen
gelernt, mit denen ich mich auf Anhieb gut verstanden hatte. Sie kamen
aus Berlin, Münster, Mühlheim, Köln und Frankfurt.
Wir stellten schnell fest,
dass Plymouth eine ganz besondere Stadt ist.
Aus mancher Perspektive
betrachtet, ist es eine beeindruckende Großstadt mit riesigen Gebäuden
und einer sehr weitläufigen Shopping Meile. Begibt man sich jedoch in
die Nähe des Hafens, so fühlt man sich eher wie in einer malerischen
Kleinstadt: Segelbote, alte Häuschen und traditionelle Lädchen säumen
die mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Gassen. Natürlich trägt hier auch
das nahe Meer zu der ruhigen Atmosphäre bei.
Am Abend unserer Ankunft
wartete das nächste aufregende Ereignis auf mich. Im Bus verabschiedete
ich mich von meinen neuen Freunden und trat hinaus, um meine Gastmutter
zu treffen: Teresa King entpuppte sich als fröhliche, humorvolle Mutter
zweier Kinder, die mich freundlich aufnahm und mich gleich im Auto in
ein langes Gespräch verwickelte. Dies war zwar nach ca. 11 Stunden Reise
sehr anstrengend, machte aber dennoch Spaß, denn genau das war der Grund
für meinen Wunsch, eine Sprachreise zu machen: Die Möglichkeit, die
Sprache endlich einmal anwenden zu können. Dies funktionierte auf Anhieb
besser, als ich erwartet hatte. Ich verstand fast alles von dem, was
Teresa mir erzählte und es viel mir nicht mehr schwer, darauf
einzugehen, nachdem erste Hemmungen überwunden waren. Es stellte sich
heraus, dass die Kings nicht direkt in Plymouth, sondern in Plympton,
einem Vorort, wohnen. So erklärte mir Marc, der Familienvater, nachdem
ich von den etwas chaotischen Kindern Cameron (5) und Thomas (2) begrüßt
worden war, dass ich morgens um viertel nach sieben einen Bus an einer
Haltestelle in der Nähe des kleinen Familienhauses der Kings nehmen
müsste, um dann im „City Centre“ einmal umzusteigen und schließlich um
neun das „PCFE Plymouth College of Further Education“ zu erreichen.
Diese unerwartete Entfernung zur Schule, der unübersichtliche Busplan,
auf dem ich mich würde zurechtfinden müssen, die vielen neuen Eindrücke
und die Müdigkeit überwältigten mich an diesem Abend zugegebenermaßen.
Als ich schließlich endlich in meinem Bett lag, hatte ich für einen
kurzen Moment Heimweh (Ich möchte aber an dieser Stelle vorwegnehmen,
das mir hiernach in den zwei Wochen nie wieder ein trübsinniger Gedanke
an Zu Hause zu schaffen gemacht hat!).
Der nächste Morgen verlief
für mich eher ruhig, denn an diesem Tag würden mich meine Gasteltern ein
einziges Mal zur Schule bringen. Ich stellte schnell fest, dass Plympton
nur ein kleiner grüner Hügel mit einer Ansammlung von Legoland-ähnlichen
Familienhäusern war. Der kleine Ort gefiel mir trotzdem auf Anhieb. Wir
fuhren mit dem Auto ungefähr eine halbe Stunde bis zum College, das am
anderen Ende der Stadt Plymouth lag. Abends jedoch, würde ich versuchen
müssen, allein mit dem Bus nach Hause zu kommen.
Der Unterricht am ersten
Tag beschränkte sich auf einen Einstufungstest und erste
grammatikalische Übungen. Ich lernte meine beiden Lehrer kennen, welche
gleichzeitig unsere Betreuer sein sollten. Ein junger Mann namens
Carlton, würde den halben Schultag frei mit uns sprechen: Hierzu gehörte
es zum Beispiel, Diskussionsrunden zu bilden, über unsere Person zu
erzählen und uns so unseren neuen Klassenkameraden vorzustellen und
außerdem um alles, was uns dazu brachte, uns auf Englisch auszudrücken.
Da Carlton selbst als Amerikaner ausschließlich Englisch sprach und
immer nett und verständnisvoll war, war dies eine sehr gute Regelung.
Die zweite Hälfte des
Tages würden wir bei unserer deutschen Betreuerin, Sandra, Unterricht
haben. Mit ihr galt es, Grammatikschwächen aufzuarbeiten, die in den
deutschen Lehrplänen oft vernachlässigt werden, wie zum Beispiel die
indirekte Rede.
Der erste Tag verging wie
im Flug: Gegen zwei Uhr war der Unterricht beendet und wir gingen mit
der ganzen Gruppe in die Innenstadt, um diese kennen zu lernen und zu
besichtigen. Zu meiner Freude entdeckten wir im „City Centre“ einen
Disney Store. Ich gebe zu, dass ich immer, von Kindesbeinen an, eine
Schwäche für alte Disney-Filme hatte. Doch auch an „Fluch der
Karibik“-Artikeln mangelte es hier keineswegs. Ich stellte sogar fest,
dass eines der Mädchen, die ich auf der Reise bereits kennen gelernt
hatte besagte Schwäche mit mir teilte. Nachdem die Geschäfte alle
erkundet waren, gingen wir in den Hafen um erstmals Seeluft zu
schnuppern. Es war ein gelungener Tag geworden, jedoch stand ich noch
vor einer Schwierigkeit: Ich musste versuchen, mit dem Bus zurück nach
Plympton zu kommen. Keiner der anderen Schüler wollte in diese Richtung
fahren. So war ich auf mich gestellt. Zuerst dachte ich wirklich, ich
würde wohl im Disney- Store oder im Hafen übernachten müssen. Es stellte
sich jedoch heraus, dass die Busfahrer in England um einiges höflicher
und hilfsbereiter als die in Deutschland sind. Aus diesem Grund konnte
ich mich problemlos durchfragen. Sobald man in einen Bus einstieg, wurde
man auch schon freundlich vom Fahrer begrüßt (eine Erfahrung, die einem
bei der Nutzung deutscher Verkehrsmittel meistens vorenthalten wird).
Weiter verwickelten die Busfahrer mich des öfteren, wenn die Busse nicht
allzu voll waren, in ein Gespräch, in dem sie mich fragten, wie es mir
in Plymouth gefalle und wie lange ich noch zu bleiben gedenke. Kurz und
gut, ich erreichte pünktlich zum Abendessen das Haus meiner Gastfamilie.
Auch in den nächsten Tagen
sorgte die Höflichkeit der Einwohner für eine Atmosphäre im Alltag, die
man sich, denke ich, nur schwerlich vorstellen kann, wenn man sie nicht
selbst erlebt hat. Schon morgens um viertel nach sieben wurde ich
(obwohl ich zugegebener Maßen ein Morgenmuffel bin), durch das
freundliche Verhalten und die hilfreichen Auskünfte des Fahrers und der
Insassen bei Laune gehalten. Mir fiel bald auf, dass alle Menschen sich
beim Busfahrer für die gute Fahrt bedankten und sich verabschiedeten,
bevor sie den Bus verließen. Und suchte ich einmal beim Einstieg in
den Bus etwas länger nach meinem Kleingeld, so wurden die übrigen
Passagiere nicht etwa ungeduldig oder genervt, viel mehr kamen gleich
sechs Frauen nach vorne gerannt, sprachen mich mit „Sweetheart“ an und
fragten, ob es mir an Kleingeld fehlen würde und sie mir vielleicht
aushelfen könnten.
In meiner Gastfamilie gab
es jeden Tag noch eine Menge zu unternehmen. Außerdem kam am ersten
Abend eine Französin in meinem Alter an, die bei mir im Zimmer wohnen
sollte und am zweiten Abend sogar eine Italienerin. Beide sprachen
merkwürdigerweise fast kein Englisch. Für Pauline, das Mädchen aus
Frankreich, konnte ich die Sätze, die die Kings sagten, in einigen
Fällen ins Französische übersetzen und umgekehrt, der Familie
beschreiben, was Pauline antwortete. In Veronikas Fall war dies schon
komplizierter, zumal mein italienischer Wortschatz sich fast
ausschließlich auf das Wort „Ciao“ beschränkt. Ich muss allerdings auch
sagen, dass Veronika so deutlich bemühter war, sich auf Englisch
auszudrücken und oft versuchte, ein Gespräch zu beginnen.
War ich des Abends wieder
zu Hause, so drängte mich der kleine Cameron jedes Mal, mit ihm in den
nahen Park zu gehen, um „Hide and seek“ zu spielen. Das Abendessen war
immer eine sehr lustige Angelegenheit: Zwei Erwachsene, zwei kleine
Kinder, zwei Jugendliche, die fast gar kein Englisch verstanden und eine
Jugendliche, die, wenn auch etwas mehr als die anderen, aber dennoch
längst nicht alles verstand. In solchen Fällen konnte der fünfjährige
Cameron mir meistens am besten aushelfen, da Kinder sich eines etwas
einfacheren Wortschatzes bedienen und – im Notfall – auch eine sehr
verständliche Zeichensprache anwenden können. Cameron war in solch einer
Situation auch immer mit Leib, Seele und Hilfsbereitschaft bei der
Sache.
Das einzige, das auf der
Sprachreise sehr gewöhnungsbedürftig war, war das Essen. Morgens ähnelte
es überwiegend unserem Essen, jedoch bestand das Lunchpaket, das
eigentlich für den ganzen Tag reichen sollte, bei mir und auch all
meinen Klassenkameraden immer aus einer Schnitte weichem Weißbrot,
welche mit ca. sechs Kilo Butter bestrichen war und einer Flasche
stillen Wassers, das stärker als ein Schwimmbad nach Chlor roch und auch
dementsprechend schmeckte. Natürlich beschwerte sich keiner von uns bei
seiner Gastmutter, zumal diese sich die Mühe machte, uns ein Paket
zusammenzustellen und man in England als Einwohner offenbar an
Mittagessen dieser Art gewöhnt war. Wenigstens lernten meine Freundinnen
und ich auf diese Weise die typische Atmosphäre in einer englischen
Schulkantine kennen.
Jeden Nachmittag nach dem
Unterricht warteten spannende Ausflüge auf uns. Ob wir nun im National
Aquarium direkt im Hafen in Plymouth waren und die vielfältige Sammlung
der Meeresbewohner dort bewunderten, im nahen Exeter auf Besichtigungs-
und Shoppingtour gingen, oder das wirklich unglaublich schöne Dart Moor
erkundeten: Es wurde niemals langweilig.
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An dem Sonntag, an dem das
Endspiel der Weltmeisterschaft ausgetragen wurde, fuhren Italiener,
Franzosen und wir Deutsche, die wir alle mit EF in Plymouth waren und
auch alle im selben College Unterricht hatten, gemeinsam nach Torquay,
einer beeindruckenden Stadt, in der wir zunächst den KeyWest-Waterpark
besuchten und uns später in einer Discothek namens „Route 66“ einfanden,
welche an diesem Abend nur für Schüler von EF aus Spanien, Italien,
Frankreich, Russland und Deutschland gemietet war. Hier würden wir das
Endspiel alle gemeinsam anschauen. Es gab natürlich ein großes Geschrei:
Mal bestand es aus wild durcheinander geschrienen Sprechchören und mal
aus wilden Anfeuerungsrufen. Leider waren die Deutschen zu diesem
Zeitpunkt ja schon ausgeschieden, jedoch hatten wir auch Spaß daran,
Frankreich anzufeuern, obwohl ja auch diese Hoffnung schließlich
zunichte gemacht wurde.
Am Abend des 06. 07. 06
besuchten wir die Premiere von „Pirates Of The Caribbean 2“, was
bedeutete dass ich den Film früher kennen lernte als all meine Freunde
in Krefeld, da er hier in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht
angelaufen war. Zu meiner positiven Überraschung, verstand ich den Film
fast vollständig. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich in den Tagen
zuvor schon viele englische Filme und Dokumentationen mit meinen
Gasteltern zusammen gesehen hatte und auch die letzten
Deutschland-Spiele mit meinem Gastvater geguckt hatte, während derer wir
damit beschäftigt waren, über die deutsche Mannschaft zu diskutieren,
über die er viel mehr wusste als ich selbst (Ich schaue mir
normalerweise kein Fußball an, aber das WM-Fieber ist dieses Jahr auch
an mir nicht vorbeigezogen.).
Jede schöne Zeit geht ja
bekanntlich einmal vorbei. So auch meine in Plymouth. Am letzten Abend
fuhren wir Schüler zum Abschluss mit Sandra und Carlton Power Boat und
verabschiedeten uns schließlich schweren Herzens von dem schönen Hafen
und dem bekannten Leuchtturm, dem „Plymouth Hoe“. Am nächsten Morgen
würden wir von unseren Gasteltern bereits um halb sechs in der Früh zum
Bus gebracht werden.
Der traurige Abschied von
Plymouth und meiner Gastfamilie war jedoch noch längst nicht das Ende
der Reise. Noch würde der Kurs ja drei Tage in einem Hotel in London
wohnen. Natürlich wurden wir wieder von Sandra und Carlton begleitet.
Sieben Stunden brauchten
wir, um London zu erreichen. Ich war noch nie dort gewesen. Weitere 60
Minuten dauerte es, bis wir endlich vor unserem Hotel standen. Es war
eine kleine Frühstückspension, deren schönes Äußeres leider gar nicht zu
seiner Umgebung passte. Es war ein etwas schmuddelig wirkendes Viertel.
Das störte uns natürlich nicht weiter, zumal wir dort nur die Nächte
verbringen würden.
Nachdem ich nun zwei
Wochen im ruhigen und gemütlichen Plymouth verbracht hatte und wir nun
an einem Tag in London eintrafen, an dem es unglaublich heiß war,
überrumpelten mich die Geschäftigkeit der Leute, das rücksichtslose
Großstadtverhalten und die Menge der Menschen auf den Straßen ein wenig.
Mein erster Gedanke war, dass diese Stadt mir nicht so recht gefallen
wollte und ich verstand nicht, warum ich schon so viele Leute von ihr
hatte schwärmen hören. Diese
Ansichten schlugen jedoch
ins Gegenteil um, als der nächste Tag anbrach. |